Jonathan Meeses Arbeiten „UWE BOHM URKINSKI“ (1998) und „DER ANTINOSTALGISCHE KNÜPPEL AUSM SACK (Die DIKTATUR der Kunst tickt)“ (2008) in der Videoreihe „Kunst nach 1945“

03.01.2011

In unserer Videoreihe stellen wir regelmäßig Werke aus der Sammlung „Kunst nach 1945“ im Städel Museum vor. Im aktuellsten Film fordert Jonathan Meese einen Paradigmenwechsel und ruft die Diktatur der Kunst aus. Seine revolutionären Ideen demonstriert der Künstler anhand seiner Arbeiten „UWE BOHM URKINSKI“ und „DER ANTINOSTALGISCHE KNÜPPEL AUSM SACK (Die DIKTATUR der Kunst tickt)“, aus der Sammlung des Städel Museums.

In seinem überschäumenden Werk, das Malerei, Collagen, Skulpturen, Installationen, Performances, Video und Bühnenbilder umspannt, beschäftigt sich Jonathan Meese mit dem Ungebändigten, Verrückten, Grotesken. Seine Hingabe an die Kunst ist manisch: So beschwört er das Dämonische ebenso wie das Spielerische und die Narretei, stellt Etabliertes in Frage, schwimmt gegen den Strom. Und ruft radikal die Diktatur der Kunst aus.

Die Diktatur der Kunst bedeutet für Meese die Herrschaft einer Sache, die im Gegensatz zum Menschen mit Macht umzugehen weiß – und keinen Missbrauch betreibt. Die von sich absieht, und der alles Egozentrische, Egoistische fremd ist. „Der Kunst dienen!“ wird somit zum Leitgedanken von Jonathan Meese.

In der Collage „UWE BOHM URKINSKI“ aus dem Jahr 1998 reizt Meese die hermetische Oberfläche der Figuren. Ob Claudia Schiffer oder Friedrich Nietzsche, die Figuren sind für Meese undurchlässige Masken: Je weniger menschlich und damit vergeistigt sie sind, desto weniger lassen sie sich instrumentalisieren – und geben dadurch für Meese höchst willkommene „metabolische“ Wesen ab. Auch in der eine Dekade später entstandenen Arbeit „DER ANTINOSTALGISCHE KNÜPPEL AUSM SACK (Die DIKTATUR der Kunst tickt)“ von 2008 tritt die Kunst als Maskenspiel auf. Die Brutalität, die im Knüppel der Soldatenfigur zum Ausdruck kommt, ist vom Künstler nur gespielt. Und die Kunst für Meese der tauglichste Spielort für alle schrecklichen Dinge dieser Welt.

Biographie
Jonathan Meese wurde 1970 in Tokio geboren. Er studierte von 1995 bis 1998 an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg bei Franz Erhard Walther, brach das Studium jedoch vorzeitig ab. Die erste öffentliche Einzelausstellung Jonathan Meeses fand 1997 im Kunstverein Kehdingen statt. 1998 folgte „De Räuber“ in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts, eine Ausstellung, die gleichzeitig große Chance und Fundament für eine bleibende Zusammenarbeit markiert. Jonathan Meese lebt und arbeitet in Berlin und Hamburg.

Miriam Fuchs, Filmredakteurin

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Jörg Sasses Arbeit „7127“ in der Videoreihe „Kunst nach 1945“

30.11.2010

In unserer Videoreihe stellen wir regelmäßig Werke aus der Sammlung „Kunst nach 1945“ im Städel Museum vor. In diesem Film spricht der Fotograf Jörg Sasse über sein Werk „7127“ aus dem Jahr 2003, über seine Arbeit an und mit seinem Archiv und über das Eigenleben der Werke an der Wand.

Seit den 1970er-Jahren sammelt Jörg Sasse Fotografien, die ihm als Archiv dienen. Dabei ergänzt er Fremdmaterial, etwa aus Nachlässen oder von Flohmärkten, durch eigene Aufnahmen. Dieses umfangreiche Fotoarchiv ist ihm Ideengeber für seine Arbeiten und zugleich Fundus, aus dem er sich frei bedient. Ausgehend von einer einzelnen Fotografie, die gesichtet, ausgewählt und bearbeitet wird, entsteht schließlich ein eigenständiges neues Werk. Im Verfahren der Rekonstruktion verknüpft Sasse sowohl bewährte Prozeduren der Malerei als auch die unbegrenzten Möglichkeiten zeitgemäßer Computerbearbeitung.

Die 2003 entstandene Arbeit „7127“ präsentiert auf den ersten Blick eine Landschaft. Doch Jörg Sasse interessiert sich für das, was dahinter liegt, unter der Oberfläche verborgen ist. In zahlreichen Überarbeitungsschritten betont er die malerische Komponente der Komposition und weist darauf hin, dass der Wald zu grün, die Wasserfläche zu bunt oder die Figuren allzu isoliert in der vorgeblichen Naturlandschaft stehen. Die getarnte Landschaft ist in Wahrheit eine Konstruktion, in der die Fotografie als Bindeglied zwischen der Wirklichkeit und dem autonomen Bild fungiert.

Biografie
Jörg Sasse wurde 1962 in Bad Salzuflen geboren. Von 1982-1988 studierte er an der Kunstakademie Düsseldorf, war Meisterschüler von Bernd Becher. Es folgten diverse Lehrtätigkeiten, etwa 1988-1989 an der Kunstakademie Düsseldorf, 1993-1994 an der Merz Akademie in Stuttgart und 2003-2007 an der Universität Duisburg Essen als Professor für Fotografie. Jörg Sasse wurde u. a. mit dem KUNSTKÖLN award und dem Epson Art Photo Award for best class ausgezeichnet. Er lebt und arbeitet in Berlin und Düsseldorf.

Miriam Fuchs, Filmredakteurin, Städel Museum

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Armin Boehms „Untitled (Zhwar Kili)“ in der Videoreihe „Kunst nach 1945“

27.08.2010

Für unsere Videoreihe, in der wir regelmäßig Werke aus der Sammlung „Kunst nach 1945“ vorstellen, haben wir den Maler Armin Boehm befragt. Er spricht über sein Gemälde „Untitled (Zhwar Kili)“ aus dem Jahr 2007, seine Herangehensweise an Bildthemen, den Herstellungsprozess und die Bedeutung von Malerei als besondere Wahrnehmungsfläche.

Boehm setzt sich in seinem Werk mit dem Tafelbild zwischen Abstraktion und Figuration auseinander. Seine meist großformatigen Leinwandbilder, deren Grundlage Fotografien, Erinnerung und Zeichnung gleichermaßen sind, zeigen Landschaften und Orte mit besonderer Bedeutung. Dem Gemälde „Untitled (Zhwar Kili)“, das 2007 entstanden ist, liegt eine nächtliche Satellitenaufnahme eines Terroristenlagers in Afghanistan zugrunde. Für Boehm ist das ein Ort, der eine Bruchstelle markiert, an der der „Zivilisationsvertrag, den man mit der Realität hat“ nicht mehr gilt. Bei dem Schauplatz thematisiert er nicht die gewalttätigen Geschehnisse, sondern akzentuiert den Aspekt des Geheimnisvollen und Undurchschaubaren. Boehm reduziert das Farbspektrum, das in seinen früheren Arbeiten noch breit angelegt war, weitgehend auf gebrochene Farben und präzise angemischte Farbverläufe in Grautönen. Auf der in mehreren Schichten bearbeiteten Bildoberfläche sind einzelne Lichtpunkte über ein Liniennetz miteinander verbunden. In deren Lichtkegeln lassen sich bei näherer Betrachtung geometrische Formen ausmachen, Hinweise auf Gebäude des Camps, die auf geheimnisvolle Weise miteinander in Verbindung zu stehen scheinen. „Malerei“, so Boehm, „ist in der Lage, bestimmte Zwischenzustände, die man mit der Sprache nicht eindeutig benennen kann, einzufangen“.

Biografie

Armin Boehm wurde 1972 in Aachen geboren. Er studierte ab 1995 an der Staatlichen Kunstakademie Münster und bis 2001 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Konrad Klapheck. 1998 erhielt er ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes und 2001 ein Stipendium der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf für die „Cité Internationale des Arts“ in Paris. Armin Boehm lebt und arbeitet in Berlin.

Dorothea Apovnik, Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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Abbau von Anselm Kiefers bleischwerer „Palette mit Flügeln“

17.08.2010

Nachdem bereits im September vergangenen Jahres Anselm Kiefers Werk „Heereszüge Alexanders des Großen“ in einer logistischen Meisterleistung vom Metzlersaal in unsere Gemäldedepots transportiert wurde, ist nun eine weitere Arbeit des Künstlers auf Grund der aktuell stattfindenden Baumaßnahmen im Städel-Altbau abgebaut worden: die „Palette mit Flügeln“.

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Über 300 Kilo wiegt die „Palette mit Flügeln“ von Anselm Kiefer. Die 1985 vom Künstler aus Blei, Stahl und Zinn gefertigte Arbeit war bis zuletzt in den großzügigen Räumen des Restaurants Holbein’s im Städel platziert. Dort wurde das Werk nun wegen Bauarbeiten im Altbau von einem fünfköpfige Spezialteam des Logistikunternehmens Schenker in enger Zusammenarbeit mit der Restaurierungsabteilung und dem Ausstellungsdienst des Städel fachgerecht abgebaut und sicher in die Museumsdepots transportiert. Neben dem Gewicht der Skulptur stellten vor allem der viereinhalb Meter hohe Sockel und die Spannweite der Flügel von sieben Metern die besonderen Herausforderungen beim Abbau dar.

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Zunächst wurde ein Spezialkran – geeignet für die begrenzte Raumsituation und stark genug für Kiefers Blei-Werk – über eine eigens errichtete Rampe auf das Bodenniveau des Sockels transportiert. Ausfahrbare Stützen sorgten für den richtigen Halt des Lastenkrans.

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Im nächsten Schritt wurden unter größter Vorsicht rechts und links der Palette Transportbänder um das Kunstwerk gelegt und an den Haken des ausgefahrenen Kranarmes befestigt.

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Behutsam wurden die Gurte unter Spannung gebracht und die „Palette mit Flügeln“ aus der Verankerung gehoben, um sie langsam nach unten abzulassen.

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Mit Gurten wurde das Werk zu beiden Seiten austariert, um ein Drehen in der Luft im Moment des freien Schwebens zu verhindern.

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Sicher auf Holzpaletten aufgelegt, wurden anschließend die Flügel von der Palette abmontiert, um so den weiteren Transport in die Städel-Depots der im Ganzen 2,5 m x 7m x 1,4 m großen Skulptur möglich zu machen.

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Bis zur großen Eröffnung des neuen Städel im Herbst 2011 wird die „Palette mit Flügeln“ dort zwischengelagert.

Anselm Kiefers „Palette mit Flügeln“ (1985)

Das Motiv der Palette führte Kiefer bereits in den 1970er-Jahren in seiner Malerei ein. Als geflügelte Palette behandelt er sie erstmals 1974 im Bild „Resumptio“, elf Jahre später ist sie das Thema dieser ersten Bleiskulptur. Das Motiv der ausgebreiteten Flügel erinnert an die Nike-Darstellungen des 19. Jahrhunderts, deren Ausführung von 1853 bis 1857 auf der ehemaligen Berliner Schloßbrücke Kiefer in sein Buch symboles héroïque aufnahm. Damit wäre das Motiv ein Hinweis auf die heilbringende Macht der Kunst, die jedoch durch das schwer lastende Gewicht der Bleiflügel und ihre lädierte Form eher vom Gegenteil zeugen.

Stephan Knobloch, Leiter der Werkstatt für Gemälderestaurierung

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Videokunst im IG Farben-Haus

24.06.2010

Anfang Juni eröffnete die „Studiengalerie 1.357“ in der Johann Wolfgang Goethe Universität in Kooperation mit dem Städel Museum. Noch bis zum 15. Juli 2010 wird in dem Ausstellungsraum Walid Raads Videoarbeit „Hostage – The Bachar Tapes“ (2001) gezeigt.

Daniel Doumerc, Dr. Martin Engler, Michaela Filla und Prof. Dr. Bernhard Jussen bei der Ausstellungseröffnung.

Daniel Doumerc, Dr. Martin Engler, Michaela Filla und Prof. Dr. Bernhard Jussen bei der Ausstellungseröffnung.

Mit der „Studiengalerie 1.357“ wurde Anfang Juni im IG Farben-Haus auf dem Campus Westend der erste Ausstellungsraum für die gemeinsame Arbeit universitärer Seminare mit Frankfurter Museen eröffnet. Die von Bernhard Jussen, Professor für Mittelalterliche Geschichte am Historischen Seminar der Goethe-Universität, und Dr. Martin Engler, Kustos für Kunst nach 1945 im Städel Museum, initiierte Studiengruppe befasst sich mit Geschichte und Erinnerung in der zeitgenössischen Videokunst. Die Eröffnungsreden wurden sowohl von den Initiatoren als auch Studenten des interdisziplinären Seminars Michaela Filla (Studentin der Kunstgeschichte) und Daniel Doumerc (Student der Geschichtswissenschaften) gehalten.

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Das erste Video, das in der Studiengalerie bis zum 15. Juli 2010 gezeigt, und von den Studierenden verschiedener Disziplinen in erläuternden Texten kommentiert wird, ist von Walid Raad und trägt den Titel „Hostage – The Bachar Tapes“ (2001, DVD, 18 Min.). Aus der Perspektive der libanesischen Geisel Souheil Bachar wird an die „Western hostage crisis“ im Libanon der 1980er-Jahre erinnert, die unter anderem im Zusammenhang mit der Iran-Contra-Affäre stand. Im Verlauf dieser Krise wurden fünf amerikanische Staatsbürger und ein Libanese gefangen genommen. Die Amerikaner, die zwischen 62 Tagen und sechs Jahren als Geiseln inhaftiert waren, fanden mit der Veröffentlichung ihrer Erfahrungen während der Gefangenschaft Eingang in das kollektive Gedächtnis. Die libanesische Geisel blieb namenlos und geriet in Vergessenheit. Walid Raads Video ist eine erinnerungspolitische Intervention, es gibt der Geisel einen Namen und eine Erinnerung. Historische Ereignisse und die Erinnerungen der libanesischen Geisel werden in einem Spannungsfeld zwischen Fiktion und Realität durch Bild-, Ton-, und Farbcollagen neu inszeniert.

Im Anschluss an Walid Raads Arbeit folgen ab 13. Oktober Erik van Lieshouts „Rotterdam-Rostock“ (2006), ab 14. November Adrian Pacis „Turn on“ (2004) und „Centro di Permanenza temporanea” (2007) und ab 12. Januar 2011 Hito Steyerls „Journal No. 1 – An Artist’s Impression” (2007). Ab dem kommenden Semester wird es um das Werk des südafrikanischen Künstlers William Kentridge gehen, dessen Arbeiten unter anderem das südafrikanische Apartheidsregime thematisieren (Ausstellung im Sommersemester 2011).

Ort: Studiengalerie, Raum 1.357, Johann Wolfgang Goethe-Universität / Campus Westend, IG-Farben-Haus,  Grüneburgplatz 1, 60323 Frankfurt am Main
Öffnungszeiten: montags bis donnerstags 12-17 Uhr
Weitere Informationen zur Studiengalerie finden Sie hier.

Carolin Köchling, Wissenschaftliche Volontärin Kunst nach 1945

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Neues Werk von Leni Hoffmann: derzeit in Berlin und ab 2011 im Städel Museum zu sehen

15.06.2010

Während sich die Baugrube unseres Erweiterungsbaus stetig füllt, wird auch die darin in Zukunft beheimatete Sammlung zur „Kunst nach 1945“ im Städel Museum durch wichtige Neuankäufe ausgebaut und ergänzt. Der jüngste Neuzugang – eine Wandarbeit der Düsseldorfer Künstlerin Leni Hoffmann – ist zurzeit im Berliner Projektraum der Schering Stiftung zu besichtigen.

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Noch bis zum 28. August 2010 zeigt die Schering Stiftung in Kooperation mit dem Städel Museum die Ausstellung „Leni Hoffmann: a whiter shade of pale“. Eigens hierfür entwickelte die Düsseldorfer Künstlerin die ortsspezifische Arbeit sid, die von der Schering Stiftung erworben und im Rahmen der Ausstellungseröffnung am 27. Mai 2010 dem Städel Museum als Schenkung übergeben wurde.

Leni Hoffmanns Arbeit sid ist Malerei mit Materialien, die mit Malerei leidlich wenig gemein haben. Sie ist, wie eigentlich alle Arbeiten der Künstlerin, letztlich die Fortsetzung der Malerei mit anderen, ihr fremden Mitteln. Sid ist dabei bis an die Grenze des Erträglichen einfach und reduziert – fast banal. Zumindest auf den ersten Blick. Aber schnell entwickelt sich aus dieser scheinbaren Einfachheit ein komplexes, ja grandioses Kunstwerk.

Die Künstlerin zeichnet die Spuren der Schüttung zunächst mit Bleistift nach.

Die Künstlerin zeichnet die Spuren der Schüttung zunächst mit Bleistift nach.

Zuerst wird Wasser eimerweise, aber wohl komponiert und geplant an die Wand geschüttet: Diese Schüttung, die natürlich an David Hockneys Bigger Splash oder Jackson Pollocks Pop Art-Drippings erinnert, wird nachgezeichnet und die Wand mit Folie abgedeckt. Dann wird die Schüttung aus der Folie ausgeschnitten und das Ganze mit Putz verspachtelt. In einem letzten Arbeitsgang wird die verbleibende Folie mit dem überschüssigen Putz abgezogen. Was bleibt ist eine wunderbare Kippfigur: eine gestische Malerei mit einem Material, das sich einer solchen gestischen Handhabung normalerweise entzieht. Ein zum Bild gefrorener, eigentlich unmöglicher Moment, in dem die Wand und Putz zum Bild werden.

Der orange und grün changierende Kipplack.

Der orange und grün changierende Kipplack.


Bevor der Putz aufgetragen wird, sprüht Leni Hoffmann den Lack auf die Wand.

Bevor der Putz aufgetragen wird, sprüht Leni Hoffmann den Lack auf die Wand.


Detail der fertigen Arbeit nachdem in einem finalen Arbeitsschritt der Putz aufgetragen wurde.

Detail der fertigen Arbeit nachdem in einem finalen Arbeitsschritt der Putz aufgetragen wurde.

Dieses faszinierende Spiel aus Bewegung und Statik ruht auf einem massiven malerischen Kontrapost. Einem farbig schillernden Widerlager, das Malerei, ihre Dynamik und Veränderlichkeit in ganz anderer Weise formuliert. Ein zwischen orange und grün changierender Kipplack, die automobile Innovation von gestern, wird hier in wunderbarer Weise zweckentfremdet. Mit der Bewegung des Betrachters, der im Werk von Leni Hoffmann immer eine zentrale Rolle spielt, variiert der jeweilige Farbton. Somit erfindet sich sid im Prozess des Betrachtens ständig neu und jede eigene Standortnahme wird zur mitschöpfenden Farbbestimmung. Jeder Betrachter sieht von seinem Platz aus ein eigenes, anderes Bild.

In ihren konsequent raum- und ortsbezogene Arbeiten bringt Leni Hoffmann Grenzen der Gattungen zum Verschwinden und emanzipiert die Malerei: weg von der Leinwand, hin zum Realraum und zu allen Dingen des Alltags. Mit dieser intelligenten Weiterentwicklung des klassischen Tafelbilds fügt sich sid hervorragend in das Sammlungskonzept des Städel Museums, in dessen Erweiterungsbau die Arbeit 2011 in modifizierter Form und an prominenter Stelle neu ausgeführt werden wird.

Wer sich vorab schon einen Eindruck von Leni Hoffmanns atemberaubendem Werk machen will, sollte sich die Ausstellung „Leni Hoffmann: a whiter shade of pale“ in der Schering Stiftung  nicht entgehen lassen!

Biografie

Leni Hoffmann wurde 1962 in Bad Pyrmont geboren, heute lebt sie in Düsseldorf. Von 1982 bis 1987 studierte sie an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg als Meisterschülerin von Georg Karl Pfahler und war 1993 als Stipendiatin an der University of New England. Als Gastprofessorin war Leni Hoffmann an der Ecole Nationale Beaux Art de Lyon (1996), an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg (1997), an der Städelschule in Frankfurt (1998-2000) sowie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe (2001-2002). Nach Karlsruhe wurde die Künstlerin im Anschluss als ordentliche Professorin berufen. 2007 wurde sie mit den Gabriele-Münter-Preis ausgezeichnet.

Dr. Martin Engler, Sammlungsleiter Kunst nach 1945

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