12.07.2011
Nach fast 20 Jahren gibt Luminita Sabau die Leitung der von ihr aufgebauten DZ BANK Kunstsammlung ab, ihre Nachfolgerin Christina Leber ist seit letzter Woche im Amt. Wir sprachen mit den beiden Kunsthistorikerinnen über die Besonderheiten der DZ BANK Kunstsammlung, die Kooperation mit dem Städel Museum und über zukünftige Projekte.

Foto: Michael Frank
Teil 1
Frau Sabau, Sie haben die DZ BANK Kunstsammlung für zeitgenössische Fotografie aufgebaut und in den letzen 20 Jahren maßgeblich geprägt. Anfang der 1990-er Jahre war zeitgenössische Fotografie noch nicht so populär wie heute. Wie hat alles mit der DZ BANK Kunstsammlung angefangen?
Sabau: Die Entscheidung für zeitgenössische Fotografie war keiner persönlichen Vorliebe geschuldet. Wir wollten 1992/93 ein Alleinstellungsmerkmal für die Sammlung schaffen, um unser Engagement klar zu positionieren. Deshalb haben wir eine Marktstudie in Auftrag gegeben, auf deren Grundlage wir feststellen konnten, was vergleichbare Institute sponsern oder in welchen Bereichen sie sammeln. Die Markstudie hat ergeben, dass zwei Bereiche in der zeitgenössischen Kunst noch nicht institutionell besetzt waren: Fotografie und neue Medien. Das traf sich gut mit meiner letzten Museumsposition im ZKM in Karlsruhe. Dort war ich für die Kunstsammlung verantwortlich, die neue Medien und Fotografie beinhaltete – sozusagen eine glückliche Fügung. Mein Konzept für die DZ BANK Kunstsammlung, damals noch DG Bank, beinhaltete verschiedene Überlegungen, u.a. wie Kunst im Unternehmenskontext implementiert werden kann.
Wie konnten Sie damals die Bank überzeugen auf dieses relativ junge Medium zu setzen?
Sabau: Die DZ BANK sah sich trotz einer über 100-jährigen Geschichte als jung, fortschrittlich, technologieinteressiert und innovativ. Wir wollten aus der Gegenwart heraus in die Zukunft sammeln, das stand fest. Im Gegensatz zu einer Privatbank, zu der vielleicht eher die alten Meister gepasst hätten, entschieden wir uns für Fotografie. Und innerhalb des Mediums für einen sehr spezifischen Bereich, der damals noch nicht etabliert war: „Das Medium Fotografie in der zeitgenössischen Kunst“, so lautete auch der Titel des Konzepts.
In der Fotografie sahen wir die ideale Spiegelung unseres Selbstverständnisses. Geschmackliche Präferenzen haben dabei keine Rolle gespielt.
Erinnern Sie sich an das erste Kunstwerk, das für die DZ BANK Kunstsammlung angekauft wurde?
Sabau: Ja, das war ein Bild von Marie-Jo Lafontaine „Der Augenblick des Überlebens ist der Augenblick der Macht“, das Arbeit basiert auf einem Filmstill aus ihrer documenta-Arbeit „Les Larmes d’Acier“. Für ein erstes Bild in einem Unternehmenskontext war der Titel vielleicht ein bisschen gewagt, deswegen wollte der Vorstand es sehen. Ich habe dem damaligen Vorstandsvorsitzenden erläutert, warum das Bild für die Sammlung bedeutend ist und er war einverstanden. Das war das erste und einzige Mal, dass jemand an unseren Ankaufentscheidungen beteiligt war.
Was macht die Unternehmenssammlung der DZ BANK aus, was sind die Merkmale, was muss und was kann sie leisten?
Leber: Ein wesentliches Merkmal der DZ BANK Kunstsammlung ist die Orientierung an den fotografischen Genres, darunter Portrait, Landschaft, Veduten, Stillleben usw. Durch diese Einteilung können wir die Fotografie in der zeitgenössischen Kunst und der Kunstgeschichte verorten und nachvollziehbar machen. Kunst ist immer auch selbstreferenziell, d. h. Künstler beziehen sich auf das, was im letzten Jahrzehnt, im vorigen Jahrhundert oder vor 1000 Jahren passiert ist. Genau das wollen wir mit der Sammlung abbilden.
Nach welchen Kriterien werden die Kunstwerke in die DZ BANK Kunstsammlung aufgenommen?
Leber: Zunächst muss das Kunstwerk in die Richtlinien passen, über die wir bereits gesprochen haben. In diesem Gerüst kann man sich ganz gut bewegen. Es war der DZ BANK immer ein Anliegen, junge Künstler und Talente zu fördern. Vor einigen Jahren hat die DZ BANK Stipendien vergeben, zum Beispiel an Thomas Demand. Wie er haben sich viele Künstler seit damals wunderbar entwickelt.
Mit 6.000 Werken von fast 600 Künstlern gehört sie Sammlung der DZ BANK zu den wichtigsten Sammlungen für zeitgenössische Fotografie. Wie hält man eine Sammlung lebendig?
Leber: Ich würde das gern am Beispiel der aktuellen Ausstellung „Für Hund und Katz ist auch noch Platz“ beschreiben. Wenn wir uns für ein Ausstellungsthema entscheiden, dann forschen wir nach wichtigen Positionen oder Aspekten, die zu diesem Thema in unserer Sammlung noch fehlen. Nach dieser Recherche gehen wir auf die Suche, auf Kunstmessen, in Galerien, bei Künstlern und ergänzen entsprechend, um alle Details abbilden zu können, zum Beispiel Materialien, die es heute in der Fotografie gibt, oder verschiedene künstlerische Herangehensweisen.
Sabau: In dieser Ausstellung sind einerseits Arbeiten, die wir bereits in den Anfängen der Kunstsammlung 1994 gekauft haben, zum Beispiel Fotografien von Thomas Wrede, andererseits aber auch neue Positionen. Ganz aktuell befindet sich in der Ausstellung ein Werk von Ulrich Gebert, das wir erst vor drei Wochen auf der Art Basel gekauft haben. Die Arbeit von Mona Mönnig stammt aus der Ausstellung „Gute Aussichten“, die Kunstabsolventen letztes Jahr in der DZ BANK gezeigt haben.
Gibt es auch verpasste Gelegenheiten, Situationen, in denen Sie nicht zugegriffen haben und Ihnen ein Kunstwerk „durch die Lappen ging“?
Sabau: Nein, es gibt wenige einmalige Gelegenheiten. Die Angebote wiederholen sich nach ein paar Jahren. Denn Fotografie in der zeitgenössischen Kunst wird in der Regel in Auflagen produziert, d.h. es gibt mehrere Exemplare desselben Bildes. Wir sind jetzt in der angenehmen Lage, auf einen Bestand zurückgreifen zu können, der so umfangreich ist, dass Lücken nicht so schmerzhaft sind. Natürlich haben wir immer noch Wünsche, die eine oder andere Fotografie mag ausverkauft sein, aber wir sind zuversichtlich, dass sie auf den Markt irgendwann wiederkommen.
Wie hat sich das Medium Fotografie in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Wie kann man das an Ihrer Sammlung ablesen?
Leber: Um es mit einer provokativen Hypothese zu versuchen: Die Fotografie ist aus der Technologieentwicklung des 19. Jahrhunderts entstanden. Physiker und Chemiker haben sich Jahrzehnte lang mit dem Abbildungsprozess beschäftigt. Die digitale Technik, die ja immer stärker in den Vordergrund zu treten scheint, rückt vom chemischen Verfahren weg zum geplotteten Ausdruck. Auf einem Tintenstrahldrucker hergestellte Bilder, die nicht wie gewohnt in einer Dunkelkammer entwickelt wurden, sondern am Computer bearbeitet sind und mit pigmentierter Tusche gedruckt werden, was hat das noch mit Fotografie zu tun? Es ist eine Weiterentwicklung und nähert sich im Verfahren wieder der Malerei oder vielleicht besser der Druckgrafik an. Das finde ich sehr interessant. Ich bin sehr gespannt, wie sich das weiter entwickeln wird. Es wird natürlich immer Künstler geben, die auf chemischen Verfahren bestehen, weil sie eine ganz andere Wirkung haben. So ähnlich wie das Hören einer Schallplatte oder eines MP3-File.
Sabau: Man darf die Diskussion über Fotografie dennoch nicht nur auf die Technik reduzieren. Es gibt natürlich auch Zwänge, die der Technik geschuldet sind, aber das steht für uns Kunsthistoriker nicht im Vordergrund. Die Entscheidung, ob eine Fotografie in die Sammlung kommt, hängt allein von der Qualität des Bildes ab.
Die Sammlung ist auch für Ihre Mitarbeiter von großer Bedeutung. Kunst in den DZ BANK Büros, kann man sich das aussuchen?
Leber: In den ersten Jahren konnten sich die Kolleginnen und Kollegen Kunst aus dem Depot aussuchen. Wir wissen allerdings, dass Tageslicht den Kunstwerken langfristig schadet. Deshalb gibt es qualitätvolle Drucke von unseren Arbeiten, die wir rahmen lassen und die in den Büros hängen können. Das hat den Vorteil, dass die Mitarbeiter sich nicht auf kleine Formate beschränken müssen, so kann man sich auch zum Beispiel einen Andreas Gursky aussuchen.
Das Interview führte Gudrun Herz, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit