Städel Museum erhält großzügige Schenkung deutscher Nachkriegskunst

10.05.2011

Mit einer großzügigen Schenkung des Ehepaars Margarethe und Klaus Posselt erhält das Städel Museum einen weiteren, wesentlichen Zuwachs für seine Sammlung der Gegenwartskunst. Das herausragende Konvolut umfasst bedeutende Werke deutscher Künstler mit Schwerpunkt auf den 1950er- und 1960er-Jahren, darunter außergewöhnliche Arbeiten von Hermann Glöckner, Karl Otto Götz, Hans Hartung, Gerhard Hoehme, Bernard Schultze oder Emil Schumacher. Insgesamt werden 13 Gemälde, 9 Objekte und 48 Graphiken der Sammlung Posselt dem Städel Museum übergeben.

Das Sammler-Ehepaar Posselt mit Städel-Direktor Max Hollein.

In einem zweiten Schritt gehen posthum weitere 10 Kunstwerke erbvertraglich in den Besitz der Städelschen Sammlung über. Zu ihnen zählen ein bedeutendes Aquarell von Paul Klee und ein Gemälde von Willi Baumeister. Das umfangreiche Konvolut des Ehepaars Posselt bereichert sowohl die Sammlung der Gegenwartskunst des Städel Museums, die ab Februar 2012 im derzeit im Bau befindlichen Erweiterungsbau präsentiert wird, als auch die Graphische Sammlung des Hauses.

Hermann Glöckner, Tafel 183, 1956 (auch datiert: 1933-36), VG Bild-Kunst, Bonn 2011.

Margarethe Posselt begann ihre Sammlertätigkeit gemeinsam mit ihrem Ehemann in den 1960er-Jahren in Frankfurt am Main. Rasch richteten sich Interesse und Schwerpunkt der Sammlung auf die informelle, vorwiegend abstrakte deutsche Kunst der Nachkriegszeit, aus der sich zahlreiche Bekanntschaften mit Künstlern wie Karl Otto Götz, Hann Trier oder Winfried Gaul entwickelten. Mit dem „Kunstraum MI Posselt“ gründete sie 1992 eine Galerie für zeitgenössische Kunst in Bonn, deren Fokus unter anderem in der Förderung von ostdeutschen Künstlern lag.

Bernard Schultze, Vergittert, 1950.

Durch die Schenkung von Margarethe und Klaus Posselt können wesentliche Aspekte der Städelschen Sammlung der Gegenwartskunst ausgebaut werden. Dabei wird der bereits bestehende Sammlungsschwerpunkt der Nachkriegsabstraktion und des Informel durch zahlreiche Gemälde in besondere Weise ergänzt. Frühe Werke von Karl Otto Götz und Bernard Schultze, die mit der Künstlergruppe Quadriga eine Kerngruppe der deutschen informellen Malerei bildeten, schließen bisherige Sammlungslücken.

Gerhard Altenbourg, Marder-Mandorla, 1982/84, VG Bild-Kunst, Bonn 2011.

Hermann Glöckner, Räumliche Brechung eines Rechtecks, 1972/73, VG Bild-Kunst, Bonn 2011.

Die Graphische Sammlung im Städel Museum, die insgesamt über 100.000 Arbeiten auf Papier beherbergt, kann dank der Schenkung Posselt zahlreiche „neue“ Künstler in ihr Portfolio aufnehmen. Mit mehreren druckgraphischen Werken aus dem Jahr 1960 von Joseph Beuys, einer wunderbaren Gruppe aus Zeichnungen und Collagen von Fritz Klemm und Tuschzeichnungen der Amerikanerin Max Cole kommen darüber hinaus erstmals Arbeiten der genannten Künstler in die Graphische Sammlung.

Axel Braun, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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Der Videokünstler William Kentridge im IG-Farben-Haus

19.04.2011

Seit 2010 kooperiert das Städel Museum mit dem Historischen Seminar der Frankfurter Goethe Universität. Zeitgenössische Videokunst zum Thema „Geschichtspolitik, Gedächtniskultur und Bildgebrauch“ wurde im vergangenen Semester von Studierenden, Professoren und Städel-Mitarbeitern lebendig diskutiert. Einer der Seminar-Filme „Zeno Writing“ des südafrikanischen Filmemachers William Kentridge wird nun in der „Studiengalerie 1.357“ präsentiert. Wer mehr über den renommierten Künstler und seine fantastisch animierten Zeichnungen wissen möchte, ist herzlich zur Ausstellungseröffnung am 20. April 2011, um 20 Uhr eingeladen. Es sprechen Dr. Martin Engler, Leiter der Sammlung Kunst nach 1945 am Städel Museum, und die Seminarteilnehmerinnen Adela Demetja und Vivien Trommer.

William Kentridge, Zeno Writing (Film still), 2001

Seit nahezu 20 Jahren schafft der 1955 in Johannesburg geborene Zeichner, Animationsfilmer und Theaterregisseur William Kentridge multimediale Videoprojektionen, die Formen des Puppentheaters mit animierten Kohlezeichnungen kombinieren. Im Film „Zeno Writing“, der 2001 als Auftragsarbeit für die documenta XI entstand, setzt sich Kentridge auf mehreren Ebenen mit dem Bild als Medium und Erinnerung als Bild auseinander.

William Kentridge, Zeno Writing (Film still), 2001

Kentridges Film gibt Rätsel auf: Erzählt wird die Geschichte eines in Ängsten und Sehnsüchten gefangen jungen Mannes vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges, der rasanten Industrialisierung und der gesellschaftlichen Transformation des beginnenden Jahrhunderts. Verschlüsselte Kohlezeichnungen werden mit Schrift zu Symbolen verwoben, Scherenschnitte und Projektionen setzt Kentridge zu wunderbaren Traumwelten zusammen. Dazwischen schneidet der Künstler Archivmaterial und reale Videos und kreiert aus dem gesamten Filmmaterial eine poetische, traumähnliche Bildsprache mit zahlreichen Referenzen zu berühmten Kinofilmen.

William Kentridge, Zeno Writing (Film still), 2001

Die Filmmusik spielt dabei eine herausragende Rolle: In „Zeno Writing“ bestimmen langsame, düstere Klänge klassischer Musik die ersten Szenen, gefolgt von melodischem Gesang, der in wütendem Crescendo ansteigt. Geräusche von schreibenden Stiften und den Anschlägen alter Schreibmaschinen übertönen die orchestrale Inszenierung. Im Zusammenspiel von Musik und Bild wird die Geschichte als ein breitgefächertes Panorama präsentiert.

William Kentridge, Zeno Writing (Film still), 2001

„Ich glaube, dass die Unbestimmtheit der Zeichnung, die Zufälligkeiten, mit denen Bilder in ein Werk gelangen, ein Modell dafür liefert, wie wir unser Leben führen“, so Kentridge über seine Arbeit. Erinnerung, Geschichte und Subjektivität sind im audio-visuellen Drama von „Zeno Writing“ untrennbar miteinander verknüpft – nicht statisch und abgeschlossen, sondern in einem sich beständig wandelnden, dynamischen Prozess.

Mehr von William Kentridge wird ab Februar 2012 in der Sammlung der Gegenwartskunst des neuen Städel präsentiert. Die Video-Ausstellung im IG-Farben-Haus auf dem Campus Westend ist bis zum 2. Juni 2011 in der „Studiengalerie 1.357“ zu sehen.

Vivien Trommer, Studiengruppe „Geschichtspolitik, Gedächtniskultur und Bildgebrauch“

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„Herein!“ – Fotografie-Ausstellung im ART FOYER der DZ BANK

12.04.2011

Ein Vorgeschmack auf zeitgenössische Fotografie im Städel gefällig? In seiner kommenden Ausstellung zeigt das ART FOYER der DZ BANK Werke von 20 internationalen Gegenwartskünstlern, die die Besucherinnen und Besucher in jeder Hinsicht gefangen nehmen werden: Zu sehen sind fotografierte Interieurs – in den meisten Fällen Flucht- oder Zufluchtsorte – die es entweder gar nicht gibt oder die kaum einen Ausweg offen lassen. Mit Candida Höfer und Louise Lawler sind zwei herausragende Fotografinnen in der Ausstellung vertreten, deren Arbeiten im Zuge der Übergabe der über 200 Werke aus der DZ BANK Kunstsammlung ins Städel Museum kommen und dort ab Februar 2012 in der Sammlung der Gegenwartskunst zu sehen sein werden.

Julian Faulhaber, Cocoon, 2004

Eindrucksvoll zeigt die Präsentation, wie zeitgenössische Fotografie traditionelle Prinzipien der Interieursmalerei mit anderen Mitteln fortführt. Der Betrachter wird irritiert und herausgefordert, die Bilder zu hinterfragen. Die gezeigten Fotografien heischen nach Aufmerksamkeit und entschädigen den aufmerksamen Betrachter mit verblüffenden Entdeckungen.

Candida Höfer, Milchhof Nürnberg I, 1999

Vielfach sind die Interieurs auch Leerräume, wie zum Beispiel bei der Becher-Schülerin Candida Höfer. Die großformatigen Fotografien der 1944 in Eberswalde geborenen Künstlerin dokumentieren menschenleere Ausstellungsräume. Neben der Frage nach deren Funktion thematisieren die Bilder gleichzeitig eine hinter dem Bild liegende, inhaltliche Ebene, wie zum Beispiel in der Fotografie „Milchhof Nürnberg I“ (1999). Der Protest, der im Jahr 2008 gegen den Abriss des in den 1930er Jahren erbauten denkmalgeschützten Milchhofs entbrannte, und von dem heute nur noch ein Gebäude erhalten ist, das den Kunstverein beherbergt, wird hier wieder in Erinnerung gerufen.

Louise Lawler, not yet titled, 2003

Eine ähnlich kritische Position nimmt auch die 1947 in New York geborene Fotografin Louise Lawler ein: Sie eignet sich zum Beispiel immer wieder die Werke anderer Künstlerstars an, hinterfragt deren Provenienzen und historische Hintergründe und macht letztlich auf unsichtbare Nebenschauplätze im Kunstsystem aufmerksam. Ihre Arbeit „not yet titled“ (2003) enthält gleich zwei kühne Zitate. Als Bild im Bild ist Gerhard Richters berühmtes Gemälde „Ema – Akt auf einer Treppe“ von 1966 zu sehen. Es liegt auf der Seite an die weiße Wand gelehnt, als würde es darauf warten aufgehängt zu werden. Die Fotografie wurde wiederum in einen leeren Ausstellungsraum fotografiert. Hier zitiert Lawler sich selbst mit ihrer Arbeit „Nude“.

Lucinda Devlin, Lethal Injection Chamber, Nevada State Prison, Carson City, Nevada, 1991

Die Ausstellung „Herein!“ eröffnet morgen, Mittwoch, den 13. April, um 19 Uhr im ART FOYER der DZ BANK und ist bis zum 11. Juni 2011 zu sehen.

Vivien Trommer

Studentin des Masterstudiengangs „Curatorial Studies – Theorie – Geschichte – Kritik“ und Praktikantin der Abteilung Gegenwartskunst im Städel Museum

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Podiumsgespräch mit Dierk Schmidt im Frankfurter Kunstverein

28.03.2011

Im Rahmen der Ausstellung „Dierk Schmidt: IMAGE LEAKS – Zur Bildpolitik der Ressource“ im Frankfurter Kunstverein spricht der bekannte Berliner Künstler Dierk Schmidt morgen, am Dienstag, 29. März, um 18.30 Uhr mit Städel-Kurator Dr. Martin Engler und Dr. Holger Kube Ventura, Direktor des Frankfurter Kunstvereins, über die Möglichkeiten zeitgenössischer Historienmalerei. Innerhalb der klassischen Gattung Historienmalerei, deren Tradition bis ins 15. Jahrhundert zurückgeht, definiert Dierk Schmidt neue Formen: Seine Bilder legen historische und politische Zusammenhänge und deren Medialisierung mit malerischen Mitteln offen. Eines der Hauptwerke von Dierk Schmidt, die 19-teilige Arbeit „SIEV-X – Zu einem Fall von verschärfter Flüchtlingspolitik“ von 2001/03, befindet sich in der Sammlung des Städel Museums. Das zentrale Triptychon des Bildzyklus ist momentan in der Ausstellung „Die Chronologie der Bilder. Städel-Werke vom 14. bis 21. Jahrhundert“ zu sehen.

DIERK SCHMIDT, „Ich weiß was... was Du nicht weißt... When opinion becomes an occasion for calculation”

Dierk Schmidt beobachtet aktuelle gesellschaftliche Prozesse und geht der Frage nach, wie Regierungen, multinationale Konzerne oder Medienkonglomerate ihr Image in der Öffentlichkeit steuern und dieses Image bewusst durch gezielte Bildpolitik produzieren. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür ist der Zyklus „SIEV-X“ des Städels, der ein in den Medien weitgehend unkommuniziertes Schiffsunglück vor der australischen Küste der jüngeren Geschichte zum Thema macht.

Dierk Schmidt, Xenophobe- shipwreck scene, dedicated to the 353 drowned asylum seekers died on the indian ocean, on the morning of october 19, 2001-2002, Städel Museum, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Der Titel der Arbeit „SIEV-X“ steht für „Suspected Illegal Entry Vessel“ und wird von australischen Behörden für ein mutmaßlich illegal in die Hoheitsgewässer eindringendes Boot verwendet, der Zusatz „X“ bedeutet „unbekannt“. Im Jahr 2001 ging das indonesische Flüchtlingsschiff vor der australischen Küste unter; von den 397 Insassen überlebten 44. In den folgenden Jahren konnte nachgewiesen werden, dass dieses Schiffsunglück die Folge von Manipulationen und unterlassener Hilfeleistung seitens des australischen Staates war: „SIEV-X“ wurde zum Symbol einer im höchsten Maß unmenschlichen Flüchtlingspolitik, deren Hintergründe nur mühsam enthüllt werden konnten.

Dierk Schmidt, Untitled (Louvre) (Mittelstück Triptychon), 2001-2002, Städel Museum, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Schmidt widmet sich einem Ereignis, dessen mediale Vermittlung kontrolliert zurückgehalten wurde. Erst durch seine journalistischen Nachforschungen und künstlerische Umsetzung entsteht ein Abbild, das auch von der lückenhaften Berichterstattung erzählt. Als Malfolie der Bilder dient ihm schwarze Teichfolie, der eine immanente Bedeutung zu kommt. Denn wo Information fehlt, bleibt das Bild schwarz und die Personen gesichtslos. Jedes ausgeführte Detail dagegen ist wichtig und enthält wesentliche Informationen. Der Betrachter wird aufgefordert, zu recherchieren und selbst aktiv zu werden.

Dierk Schmidt, Freedom. 2001-200, Städel Museum, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Dierk Schmidt wurde 1965 in Unna in Westfalen geboren. Er war in zahlreichen Gruppenausstellungen vertreten, auf der documenta 12 in Kassel, im Witte de With Center for Contemporary Art in Rotterdam und der 3. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst. Einzelausstellungen von Dierk Schmidt fanden unter anderem im Salzburger Kunstverein und in der Gesellschaft für aktuelle Kunst e. V. Bremen statt.

Unser Filmteam wird den Künstler bei seinem Besuch in Frankfurt begleiten. In der Videoreihe „Kunst nach 1945“ können Sie demnächst mehr über Dierk Schmidts künstlerische Position erfahren – ab Februar 2012 wird der SIEV-X Bildzyklus in der Sammlung der Gegenwartskunst im neuen Städel-Erweiterungsbau präsentiert.

Gudrun Herz, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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Neu im Städel Museum! Eugen Schönebecks Bildnis L. T. (Trotzki)

25.02.2011

Monumental, versteinert und entrückt – das Bildnis des russischen Revolutionärs Leo Trotzki von Eugen Schönebeck zeigt keinen dynamischen Führer oder Heilsversprecher, sondern eine historische Figur, die unnahbar erscheint. Im Januar 2011 wurde dem Städel Museum dieses herausragende Werk der deutschen Malerei der 1960er-Jahre überreicht. Zusammen mit drei zentralen Werken von Georg Baselitz stiftete die Mäzenatin Dr. Dorette Hildebrand-Staab das Gemälde dem Museum: Eine unschätzbare Bereicherung für die Sammlung zeitgenössischer Kunst im Städel! Zu bestaunen ist das Werk derzeit in der großen Schönebeck-Retrospektive der Schirn Kunsthalle Frankfurt.

Eugen Schönebeck, Bildnis L. T., 1966

Der 1936 in Heidenau, Sachsen, geborene Eugen Schönebeck verließ 1955 die DDR, um sein Kunststudium an der Hochschule für bildende Künste in Westberlin zu beginnen. Dort lernte er den ebenfalls aus der DDR stammenden Georg Baselitz kennen, mit dem sich rasch eine intensive Freundschaft entwickelte. Beide Künstler verband die leidenschaftliche und kritische Auseinandersetzung mit der damaligen Kunstszene und der Politik der Nachkriegszeit. 1961 stellten sie gemeinsam in einem Abbruchhaus in Berlin Wilmersdorf aus, verschickten Einladungskarten und gestalteten ein großformatiges Faltplakat: das „Pandämonische Manifest I“.

Der junge Eugen Schönebeck, vor dem Gemälde Bildnis Nr. 3, ca. 1962 (zerstört)

In anarchistischen Ton proklamierten sie darin die moralische Aufgabe der Kunst. Sie forderten eine neue Malerei, die sich von der vorherrschenden abstrakten Malerei absetzt und in der Kunst und Leben wieder stärker aufeinander bezogen sind. Verkauft haben die beiden jungen Künstler damals nichts. Vielmehr wurden die malerischen Resultate ihrer Haltung von den damaligen gesellschaftlichen Wert- und Normvorstellungen als skandalös empfunden.

Eugen Schönebeck, Der Köder, 1963

Schönebeck war einer der wenigen Künstler, die sich Anfang der 1960er-Jahre mit der Aufarbeitung des Traumas des Zweiten Weltkriegs beschäftigten. Nachdem er sich von der informellen Malerei und dem Tachismus entfernt hatte, wandte er sich der gegenständlichen Malerei zu und entwickelte einen ganz eigenen, radikalen Stil zwischen Abstraktion und Figuration.

Eugen Schönebeck, Lenin II, 1965

Sein wachsendes Bewusstsein für die sozialistische Geisteswelt inspirierte ihn Mitte der 1960er-Jahre zu großformatigen, zeitlosen Porträtdarstellungen verschiedener „Helden des Ostens“. Neben Trotzki, malte er Mao Tse-Tung oder den sowjetischen Dichters Wladimir Majakowski. Als Dauerleihgaben befinden sich aus dieser Serie bereits das Bildnis des mexikanischen Malers „Siqueiros“ (1966) und das Bild „Lenin II“ (1965) in der Sammlung des Städel.

Schönebecks flächige Malweise, die er der Wandmalerei der damaligen DDR entlehnt, erinnert an den Sozialistischen Realismus, wendet sich aber gleichzeitig von ihm ab. Mit intelligentem Blick greift der Künstler propagandistische Wirkungsmechanismen des Regimes auf und enthüllt gleichzeitig die Macht der Bilder: Die Verführung einer Ideologie geht mit den Gefahren der Verführbarkeit einer Gesellschaft einher.

Eugen Schönebeck 2011 vor seinem Werk „Kreuzigung“ (1964)

Obwohl Schönebeck mittlerweile in Künstlerkreisen als eine Art „Künstler der Künstler“ gepriesen wird und eine Reihe von seinen Werken in bedeutenden öffentlichen Sammlungen beheimatet sind, ist sein Name bei Kunstpublikum und unter Kunsthistorikern weitgehend in Vergessenheit geraten. 1967 legte er den Pinsel beiseite und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Seinem selbstkritischen Blick hielten rund 35 Gemälde statt, die heute sein malerisches Werk ausmachen.

Der Kennerschaft und dem professionellen Blick von Dorette Hildebrand-Staab, die den künstlerischen Wert der radikalen Ästhetik von Schönebeck und Baselitz schon sehr früh und entgegen der damals vorherrschenden Meinung erkannte, ist es zu verdanken, dass Schönebecks einzigartiges Bildnis von Trotzki zusammen mit weiteren Arbeiten des Künstlers demnächst im neuen Städel einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. Unter anderem als Vermieterin von Georg Baselitz hatte sie engen Kontakt mit den beiden Nachkriegskünstlern und gab sich damals schon als große Freundin und großzügige Förderin der Kunst zu erkennen.

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet Eugen Schönebeck noch bis 15. Mai 2011 eine große Gesamtwerkschau, die nahezu alle erhaltenen Gemälde und die bedeutendsten Zeichnungen versammelt. Hier kann auch der jüngste Neuzugang der Städel-Sammlung bestaunt werden, bevor er mit der Eröffnung unseres Erweiterungsbaus für zeitgenössische Kunst dauerhaft im Städel Museum präsentiert werden wird.

Gudrun Herz, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit


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Barbara Klemm fotografiert das neue Städel

16.02.2011

1981 portraitierte sie Andy Warhol im Städel Museum mit Rucksack und zusammengefalteten Händen vor Tischbeins weltberühmtem Goethe-Gemälde. Dieses Foto gehört wohl zu den bekanntesten Künstlerportraits der renommierten, in Frankfurt lebenden Fotografin Barbara Klemm. Zum Städel Museum hat Barbara Klemm eine besondere Beziehung. Dieses und viele andere international bekannte Museen waren immer schon ideale Settings für ihre Aufnahmen. In Museen portraitierte sie nicht nur eine Reihe herausragender Künstler, auch den Museumsalltag mit seinen Ausstellungsbesuchern hielt sie in charakteristischen Situationen mit ihrer Kamera fest. Sechs dieser Ausstellungssituationen kommen nun im Rahmen der Übergabe von über 200 Fotografien aus der DZ BANK Kunstsammlung in die Sammlung des Städel Museums.

Barbara Klemm, Weltausstellung Osaka, Japan, 1970.

Für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung, eine der wichtigsten Unterstützerinnen der Städel-Erweiterung, fotografierte Barbara Klemm vor Kurzem die Baustelle der unterirdischen Gartenhallen. Mehrmals war sie mit ihrer Kamera auf dem Gelände unterwegs, um sich den besten Standort für das Foto auszusuchen: Die Fotografin entschied sich schließlich für das Dach der Städelschule, die derzeit eingerüstet ist. Von dort oben hat man einen hervorragenden Blick auf die Baustelle des Neubaus und den Städel-Altbau. Wir freuen uns, dass wir das Foto von Barbara Klemm vor Veröffentlichung in einer Publikation der Hertie-Stiftung exklusiv auf unserem Blog  zeigen können:

Das neue Städel, fotografiert von Barbara Klemm.

Die Fotografin wagt sich auf das Dach des Städel-Altbaus.

Weiter ging es zum nächsten ungewöhnlichen Ort: Vom Dach des Mainflügels des Städel fotografierte Barbara Klemm mit einer Leica und einer analogen Spiegelreflex-Kamera die markante Skyline von Frankfurt. Auf dem abenteuerlichen Weg dorthin entdeckte sie die Bauarbeiter bei der Pause und schoss ganz nebenbei einige Fotos.

Hinter dem Durchbruch in der Wand entdeckt Barbara Klemm die Arbeiter beim Pausieren.

Die Fotografin im Gespräch mit den Bauarbeitern. Auch unser Filmteam für die Videoreihe „Kunst nach 1945“ ist mit dabei.

Barbara Klemm zählt heute zu den prominentesten Chronistinnen der jüngsten deutschen Vergangenheit. Die Fotojournalistin, die als Redaktionsfotografin mehr als 30 Jahre die Bildsprache der Frankfurt Allgemeinen Zeitung geprägt hat, hielt bedeutende historische Momente der Bundesrepublik und der DDR fest.

Barbara Klemm, Leonid Breschnew, Willy Brandt, Bonn, 1973.

Viele ihrer Fotografien haben sich mittlerweile tief in das Bildgedächtnis der Deutschen eingeschrieben und sind zu wichtigen Ikonen der Zeitgeschichte geworden. Dazu zählt zum Beispiel das weltbekannte Foto von Leonid Breschnew und Willy Brandt in Bonn 1973 oder die Rede von Helmut Kohl in Dresden kurz nach dem Mauerfall im Dezember 1989. Die Reportage-Fotografin interessiert sich aber nicht nur für die großen Ereignisse, sondern insbesondere für die scheinbar unaufgeregten Situationen des Alltags, die sie mit Einfühlungsvermögen festhält.

Barbara Klemm beim Filminterview.

Barbara Klemm wurde bei ihrem Besuch im Städel von unserem Filmteam begleitet, denn demnächst werden wir einige Arbeiten der herausragenden Fotografin in der Videoreihe „Kunst nach 1945“ auf unserem Städel-Blog vorstellen.

Gudrun Herz, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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