Neu im Städel: Sibylle Bergemann „DAS DENKMAL“

08.09.2011

Da schiebt einer einen hohen Tisch auf drei Rollen auf eine „Startbahn“ zu, die in den Feldern endet. Irgendwo in Deutschland. Auf der linken Seite stehen zwei Obstbäume, darunter eine Kuh, die zuschaut und sich fragt, was dieser ältere Mann da eigentlich treibt. Ludwig Engelhardt heißt der Herr. 1975 erhielt er den Auftrag, ein Denkmal für Berlin zu bauen. Eines, das von Karl Marx und Friedrich Engels, den Vätern des Sozialismus, künden und vor dem Palast der Republik stehen sollte. Das Marx-Engels-Forum wurde zusammen mit der Skulptur am 4. April 1986 eingeweiht. Da war das Ende der DDR schon fast in Sicht. Sybille Bergemann dokumentierte die Entstehung in 12 Fotografien. Jetzt kommt der Fotozyklus in die Sammlung des Städel Museums.

Sibylle Bergemann, Das Denkmal, 1975-86/1996 (1. Foto)

Dass dieses Denkmal am Ende nur drei Jahre als Ehrenmal der DDR-Geschichte an seinem Platz verharren sollte, war bei der Vergabe des Auftrages nicht bekannt. Das wissen wir heute. Und wenn man sich dem Zyklus nähert, der in drei Reihen à vier Bildern gehängt sein möchte, dann ist es gut wenn man sich vergegenwärtigt, zu welcher Zeit die Arbeit von Sybille Bergemann entstanden ist. Aber zurück. Schauen wir, was wir sehen.

Die Startbahn auf dem ersten Bild ist der Beginn der Arbeit von Ludwig Engelhardt. Es ist auch das erste von 12 Bildern, das Sibylle Bergemann über die Entstehung des Denkmals fotografiert hat. Sie bekam den Auftrag von Ludwig Engelhardt, die Entstehung des Denkmals zu dokumentieren. Es entstanden unzählige Bilder. Am Ende aber wählte sie für jedes Jahr der Entstehungszeit eines aus. Es dauerte so lange, weil die führenden Funktionäre der DDR mehrfach in die Entwurfsarbeiten eingegriffen hatten.

Sibylle Bergemann, Das Denkmal, 1975-86/1996 (2. Foto)

Das zweite Motiv aus der Reihe zeigt verschiedene Abbildung der beiden Protagonisten, und über den Portraits thronen die Köpfe, die zur Umsetzung der Figuren gewählt wurden. Auch das dritte Bild ist noch eine Skizze, ein Entwurf. Hier sitzen noch beide. Das vierte Foto zeigt die endgültige Lösung mit zwei Holzgestellen. Das linke sitzend und das recht stehend. Noch wissen wir nicht, wer von den beiden sitzen und wer stehen wird.

Sibylle Bergemann, Das Denkmal, 1975-86/1996 (5. Foto)

Das fünfte Bild zeigt zwei verhüllte Figuren. Sie sehen aus wie Menschen in Anoraks, die versuchen dem Regen Stand zu halten. Das nächste Motiv gehört zu den bekanntesten aus der Serie. Es zeigt zwei Figuren, deren Oberkörper fehlen. Hinter ihnen die Wolken in die sie sich aufgelöst zu haben scheinen. Dann geht die Geschichte des Aufbaus weiter bis zur verhüllten Figur vor dem Dom in Berlin. Auf der folgenden Abbildung schwebt Engels heran. Dieses Bild erinnert eher an einen Abbau eines Denkmals, was aber auch mit den Medienbildern zu tun hat, die wir in den letzen Jahren und Jahrzehnten zuhauf zu sehen bekamen: vom Fall der Mauer und der Auflösung der Sozialistischen Regime bis hin zu den Aufnahmen von den Aufständen in Nordafrika, die unlängst durch die Welt gingen. Erst jetzt können wir mit Gewissheit erkennen, dass der Stehende Friedrich Engels ist und Karl Marx zu seiner Rechten sitzt. Das wird auf dem letzen Bild zur Gewissheit. Vor Engels knien zwei Menschen. Fast so, als würden sie ihrem Herrn die Schnürsenkel binden. Im Hintergrund sieht man den Palast der Republik im Nebel liegen. Es ist April 1986.

Sibylle Bergemann, Das Denkmal, 1975-86/1996 (6. Foto)

Sibylle Bergemann hat zwischen den Bildern nicht immer ein Jahr verstreichen lassen. Das ist offenkundig. Die Aufnahmen vor dem Dom und der fliegende Engel(s) zeigen dies über deutlich. Auch ist vom Abgussvorgang der Skulptur kein Bild gewählt und man fragt sich, ob sie den überhaupt gesehen hat. Die Folge der Fotografien erzählt eine eigene Geschichte, die sich nicht unkritisch mit der DDR auseinandersetzt. Die Verhüllten oder die Wolken als Oberkörper, aber auch der fliegende Engels lassen es erahnen. Den Genossen ist es offensichtlich nicht aufgefallen. Anlässlich des Aufbaus eine Ausstellung, erzählte Sibylle Bergemann später lobte der Kulturminister ihre Arbeit ausdrücklich. Sie sagt das. mit einem Schmunzeln. Vielleicht hat sie den Untergang der DDR bereits erahnt.

Sibylle Bergemann, Das Denkmal, 1975-86/1996 (11. Foto)

Sibylle Bergemann wählte als Material Silbergelatine auf Barythpapier für ihre Serie. Ein Material, das in der DDR am häufigsten zur Anwendung kam, da Farbfotografien unerschwinglich teuer waren. Die Künstlerin lernte ihr Handwerk bei Arno Fischer, der selbst ein großer der Fotografie schon zu Zeiten der DDR war. Seit 1966 war Fischer ihr Lehrer an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, und sie wurden bald ein Paar.

Die DZ BANK Kunstsammlung hat die Serie in zwei Etappen gekauft. Den ersten Teil bereits 1996 und den zweiten Teil 2003. Als wir sahen, dass das erste Bild des Tableaus beschädigt war, weil es Runzelkorn* aufwies, fragten wir Sibylle Bergemann, ob sie sich vorstellen könne, die Arbeit nachträglich zu bearbeiten, um das Runzelkorn zu entfernen. Sie sagte, dass Sie sich über den Schaden auf dem Negativ immer sehr geärgert habe und war froh über den Kontakt, den wir ihr zu unserer Restauratorin Marjen Schmidt herstellten. Sie verwies Sibylle Bergemann an einen Kollegen, der mit Hilfe digitaler Technik, zwar nicht das original Dia bereinigen konnte, aber ein digitales Bild zur Verfügung stellte, das vom Runzelkorn befreit war. 2007 bekamen wir den einzig existierenden Abzug ohne Runzelkorn.

Sibylle Bergemann, Das Denkmal, 1975-86/1996 (12. Foto)

Bis heute ist die Serie des Marx-Engels-Denkmals aus unserer Sammlung die einzige ohne ein schadhaftes erstes Motiv. Jetzt geht sie an das Städel Museum.

Sibylle Bergemann wurde 1941 in Berlin geboren und starb 2010 in Gransee.

Dr. Christina Leber, Leiterin der DZ BANK Kunstsammlung

* Runzelkorn ist ein Fehler, der bei der Entwicklung von Filmen auftreten kann. Es entsteht meist durch zu große Temperaturunterschiede zwischen den einzelnen Bädern des Verarbeitungsprozesses. Hierbei entstehen in der Gelatineschicht viele haarfeine Risse. Das Risiko für die Entstehung von Runzelkorn steigt mit der Höhe der Verarbeitungstemperaturen und mit der Länge der Verweildauer in den einzelnen Bädern, da dadurch die Gelatine stärker aufquillt und anfälliger wird.

Von das neue staedel, Permalink, 0 Kommentare

Neu im Städel Museum: Andreas Gurskys Fotografie „Paris, Charles de Gaulle”

10.08.2011

„Ich arbeite an einer Enzyklopädie des Lebens“, so äußerte sich der Fotograf Andreas Gursky 2007 im Magazin Stern über seine Arbeitsweise. Dieses ambitionierte Projekt begann er bereits Mitte der 1980er-Jahre. Mittlerweile gehört der gebürtige Leipziger zu den weltweit bekanntesten zeitgenössischen Fotografen. Mit der Übergabe von über 200 Werken aus der der DZ BANK Kunstsammlung kommt nun eines seiner frühen großformatigen Arbeiten in die Sammlung des Städel: „Paris, Charles de Gaulle“ von 1992 wird ab Ende Februar in den neu eröffneten Gartenhallen präsentiert.

Andreas Gursky, Paris, Charles de Gaulle, 1992, C-Print, 165 x 200 cm (gerahmt), (c) Courtesy: Monika Sprüth / Philomene Magers / VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Eine seltsame Schwerelosigkeit geht von Andreas Gurskys Flughafenbild „Paris, Charles de Gaulle“ aus. Überdachte Rolltreppen gruppieren sich in einem offenen Atrium, am Boden sprudelt ein Springbrunnen, in der Bildmitte herrscht erschreckende Leere. Überall bewegen sich Menschen und trotzdem erscheint der wichtigste europäische Verkehrsknotenpunkt seltsam ruhig. Andreas Gursky sucht sich die Orte, die er fotografiert, sehr genau aus. Interessiert am Zusammenspiel von Makrostrukturen und Mirkokosmos findet er Motive, die er als Bildidee bereits vorher im Kopf hat, in der Realität wieder. Mit einer perfektionistischen Genauigkeit und einem komplexen Verfahren schafft er zugespitzte und verdichtete Formen – eine neue Hyperrealität, gespickt mit Elementen des Fiktiven.

Die manipulierte Wirklichkeit, die vorallem in Gurskys späteren Werken zum Tragen kommt, ist insbesondere seiner Arbeitsweise geschuldet. Mit einer analogen Großbildkamera fotografiert, werden die gescannten Abzüge am Computer montiert, Bildausschnitte übereinandergelagert, während andere Details verschwinden. Gemeinsam mit seinem Bildbearbeiter feilt Gursky an der komplexen Gesamtkomposition, der Stimmigkeit von Perspektive und Licht. Charakteristisch für Gursky ist auch die Präsentationsart seiner Fotografien: im sogenannten Diasec-Verfahren wird der Fotoabzug mit Silikon auf eine Plexiglasscheibe kaschiert. So rücken seine extrem großformatigen Fotografien von der Wand ab und scheinen im Raum zu schweben.

Andreas Gursky studierte an der Kunstakademie in Düsseldorf und gehört mit Thomas Struth, Axel Hütte, Candida Höfer und Thomas Ruff zu den Schülern von Bernd und Hilla Becher, die die deutsche Fotografie mit einer konzeptuellen und formalistischen Formsprache entscheidend geprägt haben. Schon sehr früh kam der Künstler in Kontakt mit Fotografie, denn sowohl sein Vater als auch sein Großvater waren Werbefotografen von Beruf. Gursky begann mit Kleinformaten, bis er Anfang der 1990er-Jahre mit der großformatigen, digital bearbeiteten Farbfotografie seinen Durchbruch erlangte. Auf dem Kunstmarkt erzielen Gurskys Werke derzeit Rekordpreise, seine Arbeit „99 Cent II Diptychon“ wurde 2006 als eines der teuersten Fotografie aller Zeiten verkauft.

Gudrun Herz, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Von das neue staedel, Permalink, 0 Kommentare

Barbara Klemms Museumsfotografien in der Videoreihe „Kunst nach 1945“

26.07.2011

Für unsere Videoreihe „Kunst nach 1945“, in der wir regelmäßig Werke aus der Sammlung der Gegenwartskunst im Städel vorstellen, haben wir die Fotografin Barbara Klemm im Atelier besucht und sie beim Fotografieren auf der Städel-Baustelle begleitet. Barbara Klemm spricht anhand von sechs einzigartigen Museumsfotografien, die im Rahmen der Übergabe von über 200 Werken aus der DZ BANK Kunstsammlung in die Sammlung des Städel kommen, über ihre Arbeitsweise.

Lineare Formen, eine gute Komposition und die Modulation in der Dunkelkammer, darauf kommt es der Frankfurter Fotografin an, die ausschließlich analoge Schwarzweiß-Aufnahmen macht. Neben diesen allgemeinen Grundideen ihrer Arbeit erzählt Barbara Klemm im Film auch von den ganz spezifischen Momenten, die sie in der Neue Tretjakowgalerie in Moskau, im Jüdischen Museum in Berlin oder im spanischen Pavillon von Santiago Sierra auf der Biennale von Venedig mit ihrer Kamera einfängt und verdichtet.

Biographie
Barbara Klemm wurde 1939 in Münster geboren. Der Vater Fritz Klemm, Maler und Professor an der Karlsruher Kunstakademie, weckte ihr Interesse an Fotografie. 1959 begann sie im Fotolabor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu arbeiten und prägte die Zeitung von 1970 bis 2005 als Redaktionsfotografin. Klemms Schwarzweiß-Fotografien wurden in unzähligen Zeitschriften und Wochenzeitungen publiziert, ihre Arbeiten sind außerdem in vielen renommierten Kunstsammlungen und internationalen Ausstellungen vertreten. Barbara Klemm wurde mit wichtigen Preisen ausgezeichnet, darunter der Dr.-Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie.

Im Auftrag der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung fotografierte Barbara Klemm bereits Anfang des Jahres die Städel-Baustelle, den Blog-Beitrag dazu kann man hier nochmals nachlesen.

Miriam Fuchs, Filmredakteurin

Von das neue staedel, Permalink, 0 Kommentare

Abschied bei der DZ BANK Kunstsammlung: Ein Interview mit Luminita Sabau und Christina Leber von der DZ BANK Kunstsammlung, Teil 2

15.07.2011

Wir sprachen mit Luminita Sabau und Christina Leber über die Besonderheiten der DZ BANK Kunstsammlung, die Kooperation mit dem Städel Museum und über zukünftige Projekte.
 

Übergabe der DZ BANK Werke an das Städel Museum, 2008 (v.l.n.r. Max Hollein, Felix Semmelroth, Luminita Sabau, Wolfgang Kirsch, Nikolaus Schweickart)

Teil 2
 
Was ist für Sie das Besondere im Umgang, im Aufbau und in der Vermittlung der DZ BANK Unternehmenssammlung?

Leber: Grundsätzlich muss man dabei immer zwischen interner Vermittlung – z. B. an unsere Mitarbeiter – und Vermittlung der Sammlung nach außen, an die breite Öffentlichkeit unterscheiden. Momentan sind wir in den letzen Zügen der Vorbereitung für eine neue Wanderausstellung. In „Road Altas“ zeigen wir Straßenfotografie aus der DZ BANK Kunstsammlung. Als erstes ist die Ausstellung in den Opelvillen in Rüsselsheim zu sehen, dann wandert sie weiter an unterschiedliche Standorten in ganz Deutschland, bis sie 2014 wieder zurück nach Frankfurt kommt.

Die Vermittlung für Mitarbeiter der DZ BANK ist uns eine Herzensangelegenheit. Wir machen Mitarbeiter-Führungen in den Etagenausstellungen, im ART FOYER oder in Ausstellungen, die außer Haus stattfinden, wie zum Beispiel bei „REAL – Fotografien aus der Sammlung der DZ BANK“ im Städel im Jahr 2008. Diese Ausstellung, die zum 125-jährigen Bestehen der Bank stattfand, hat über die Hälfte unserer Belegschaft besucht. Außerdem gibt es Workshops für Kinder von Mitarbeitern. Jeder der in der DZ BANK zu arbeiten beginnt, hat sofort Kontakt mit unserer Sammlung.

Was bedeutet es für Sie und die DZ BANK, einen Teil der Sammlung im Museum zu wissen?

Sabau: Die Übergabe der Werke an das Städel Museum war für uns eine große Anerkennung der wissenschaftlichen Leistung, die wir hier erbracht haben. Es ehrt uns sehr, dass das Museum Teile der Sammlung übernommen hat. Auch die Mitarbeiter bekommen dadurch eine Vorstellung des ideellen Wertes unserer Sammlung. Für uns ist das auch kein Aderlass, denn wir können zukünftig gegenseitig auf die Werke zurückgreifen. Zum Beispiel hat das Städel dadurch die Möglichkeit, ihre Ausstellungen mit weiteren temporären Leihgaben zu ergänzen.

Es war immer unsere Absicht, die Fotografie von der Gosse auf die Mainstreet der Kunst zu bringen. Einen meiner dringlichsten Wünsche habe ich schon im ersten Konzept formuliert, das war die Verbindung von Fotografie mit Malerei. Die Erfüllung des Wunsches wird uns jetzt im Städel gelingen.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit dem Städel?

Sabau: Die DZ BANK hatte den Wunsch, die Sammlung weiter in die Öffentlichkeit zu bringen. Wir hatten die Möglichkeit, das ART FOYER der DZ BANK Kunstsammlung zu eröffnen, wo wir regelmäßig Ausstellungen mit Werken aus unserer Sammlung und Gastausstellungen ausrichten. Aber mein Anliegen war es auch, eine Public Private Partnership ins Leben zu rufen. Nach kurzer Zeit kamen wir mit Max Hollein ins Gespräch, der diese Angelegenheit sehr aktiv betrieben hat. Die Kooperation gestaltet sich ausgezeichnet.

Leber: Wir stehen aufgrund einer gemeinsamen Ausstellung im Januar 2012 im ART FOYER in sehr gutem und intensivem Kontakt mit Martin Engler, dem Sammlungsleiter für Gegenwartskunst im Städel Museum. Ich finde es sehr bemerkenswert, dass unsere Sammlungsstrategie im Städel Bestätigung finden wird, denn in den neuen Ausstellungshallen werden Fotografie und Malerei nebeneinander hängen. Das wird in einer Dauerausstellung zum ersten Mal so sein. Die Fotografin Gisèle Freund sprach schon in den 1970er-Jahren davon, dass die Fotografie in der Kunst angekommen sei. Für mich ist das aber erst jetzt der Fall. Es hat doch relativ lange gedauert.

Frau Leber, haben Sie ein Lieblingsbild aus der Sammlung?

Leber: Nein, das kann man nicht auf ein Bild reduzieren. Als ich in der DZ BANK Kunstsammlung anfing, haben mich einige Serien total kalt gelassen, die ich heute liebe. Das hat auch immer etwas mit der persönlichen Entwicklung zu tun, mit der Tagesform oder dem Moment, welches das liebste Bild ist.

Frau Sabau, Sie sind eine ausgezeichnete Expertin für zeitgenössische Kunst und Fotografie, was hängt bei Ihnen zu Hause an den Wänden?

Ich habe ein paar kleinere Arbeiten, die mir Künstler geschenkt haben. Zu den Fotografien habe ich eine emotionale Beziehung, ich möchte sie nicht mit Arbeiten aus der DZ BANK Kunstsammlung vergleichen. Es sind eher persönliche Stücke.

Sie waren Sammlungsleiterin des DAM – Deutsches Architekturmuseum, anschließend im ZKM – Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, fast 20 Jahre lang leiteten Sie die Kunstsammlung der DZ BANK. Welche Herausforderungen warten noch auf Sie?

Sabau: Ich werde mir eine kreative Pause gönnen, ein Sabbatical, um herauszufinden, was die nächste Herausforderung sein könnte.

Wie wird es mit der DZ BANK Sammlung weitergehen, gibt es schon Projekte, auf die wir uns freuen können?

Leber: Seit 1996 arbeite ich – mit Pausen – für die DZ BANK. Ich habe nicht das Bedürfnis, etwas Grundlegendes zu ändern. Wir werden weiterhin vier Ausstellungen im Jahr im ART FOYER machen und die ein oder andere Ausstellung außerhalb der Bank. Auch an unserer Vermittlung nach innen werden wir festhalten. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit Martin Engler, der im Januar hier eine Ausstellung kuratieren wird, um einen Brückenschlag für die Eröffnung des Städel-Erweiterungsbaus zu schaffen. Außerdem bin ich sehr gespannt auf die Präsentation der DZ BANK Kunstsammlung, die ab Februar 2012 im Städel zu sehen sein wird. Das ist eine wunderbare Bereicherung für das Spektrum der Sammlung.

Das Interview führte Gudrun Herz, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Von das neue staedel, Permalink, 0 Kommentare

Abschied bei der DZ BANK Kunstsammlung: Ein Interview mit Luminita Sabau und Christina Leber

12.07.2011

Nach fast 20 Jahren gibt Luminita Sabau die Leitung der von ihr aufgebauten DZ BANK Kunstsammlung ab, ihre Nachfolgerin Christina Leber ist seit letzter Woche im Amt. Wir sprachen mit den beiden Kunsthistorikerinnen über die Besonderheiten der DZ BANK Kunstsammlung, die Kooperation mit dem Städel Museum und über zukünftige Projekte.

Foto: Michael Frank

Teil 1

Frau Sabau, Sie haben die DZ BANK Kunstsammlung für zeitgenössische Fotografie aufgebaut und in den letzen 20 Jahren maßgeblich geprägt. Anfang der 1990-er Jahre war zeitgenössische Fotografie noch nicht so populär wie heute. Wie hat alles mit der DZ BANK Kunstsammlung angefangen?

Sabau: Die Entscheidung für zeitgenössische Fotografie war keiner persönlichen Vorliebe geschuldet. Wir wollten 1992/93 ein Alleinstellungsmerkmal für die Sammlung schaffen, um unser Engagement klar zu positionieren. Deshalb haben wir eine Marktstudie in Auftrag gegeben, auf deren Grundlage wir feststellen konnten, was vergleichbare Institute sponsern oder in welchen Bereichen sie sammeln. Die Markstudie hat ergeben, dass zwei Bereiche in der zeitgenössischen Kunst noch nicht institutionell besetzt waren: Fotografie und neue Medien. Das traf sich gut mit meiner letzten Museumsposition im ZKM in Karlsruhe. Dort war ich für die Kunstsammlung verantwortlich, die neue Medien und Fotografie beinhaltete – sozusagen eine glückliche Fügung. Mein Konzept für die DZ BANK Kunstsammlung, damals noch DG Bank, beinhaltete verschiedene Überlegungen, u.a. wie Kunst im Unternehmenskontext implementiert werden kann.

Wie konnten Sie damals die Bank überzeugen auf dieses relativ junge Medium zu setzen?

Sabau: Die DZ BANK sah sich trotz einer über 100-jährigen Geschichte als jung, fortschrittlich, technologieinteressiert und innovativ. Wir wollten aus der Gegenwart heraus in die Zukunft sammeln, das stand fest. Im Gegensatz zu einer Privatbank, zu der vielleicht eher die alten Meister gepasst hätten, entschieden wir uns für Fotografie. Und innerhalb des Mediums für einen sehr spezifischen Bereich, der damals noch nicht etabliert war: „Das Medium Fotografie in der zeitgenössischen Kunst“, so lautete auch der Titel des Konzepts.

In der Fotografie sahen wir die ideale Spiegelung unseres Selbstverständnisses. Geschmackliche Präferenzen haben dabei keine Rolle gespielt.

Erinnern Sie sich an das erste Kunstwerk, das für die DZ BANK Kunstsammlung angekauft wurde?

Sabau: Ja, das war ein Bild von Marie-Jo Lafontaine „Der Augenblick des Überlebens ist der Augenblick der Macht“, das Arbeit basiert auf einem Filmstill aus ihrer documenta-Arbeit „Les Larmes d’Acier“. Für ein erstes Bild in einem Unternehmenskontext war der Titel vielleicht ein bisschen gewagt, deswegen wollte der Vorstand es sehen. Ich habe dem damaligen Vorstandsvorsitzenden erläutert, warum das Bild für die Sammlung bedeutend ist und er war einverstanden. Das war das erste und einzige Mal, dass jemand an unseren Ankaufentscheidungen beteiligt war.

Was macht die Unternehmenssammlung der DZ BANK aus, was sind die Merkmale, was muss und was kann sie leisten?

Leber: Ein wesentliches Merkmal der DZ BANK Kunstsammlung ist die Orientierung an den fotografischen Genres, darunter Portrait, Landschaft, Veduten, Stillleben usw. Durch diese Einteilung können wir die Fotografie in der zeitgenössischen Kunst und der Kunstgeschichte verorten und nachvollziehbar machen. Kunst ist immer auch selbstreferenziell, d. h. Künstler beziehen sich auf das, was im letzten Jahrzehnt, im vorigen Jahrhundert oder vor 1000 Jahren passiert ist. Genau das wollen wir mit der Sammlung abbilden.

Nach welchen Kriterien werden die Kunstwerke in die DZ BANK Kunstsammlung aufgenommen?

Leber: Zunächst muss das Kunstwerk in die Richtlinien passen, über die wir bereits gesprochen haben. In diesem Gerüst kann man sich ganz gut bewegen. Es war der DZ BANK immer ein Anliegen, junge Künstler und Talente zu fördern. Vor einigen Jahren hat die DZ BANK Stipendien vergeben, zum Beispiel an Thomas Demand. Wie er haben sich viele Künstler seit damals wunderbar entwickelt.

Mit 6.000 Werken von fast 600 Künstlern gehört sie Sammlung der DZ BANK zu den wichtigsten Sammlungen für zeitgenössische Fotografie. Wie hält man eine Sammlung lebendig?

Leber: Ich würde das gern am Beispiel der aktuellen Ausstellung „Für Hund und Katz ist auch noch Platz“ beschreiben. Wenn wir uns für ein Ausstellungsthema entscheiden, dann forschen wir nach wichtigen Positionen oder Aspekten, die zu diesem Thema in unserer Sammlung noch fehlen. Nach dieser Recherche gehen wir auf die Suche, auf Kunstmessen, in Galerien, bei Künstlern und ergänzen entsprechend, um alle Details abbilden zu können, zum Beispiel Materialien, die es heute in der Fotografie gibt, oder verschiedene künstlerische Herangehensweisen.

Sabau: In dieser Ausstellung sind einerseits Arbeiten, die wir bereits in den Anfängen der Kunstsammlung 1994 gekauft haben, zum Beispiel Fotografien von Thomas Wrede, andererseits aber auch neue Positionen. Ganz aktuell befindet sich in der Ausstellung ein Werk von Ulrich Gebert, das wir erst vor drei Wochen auf der Art Basel gekauft haben. Die Arbeit von Mona Mönnig stammt aus der Ausstellung „Gute Aussichten“, die Kunstabsolventen letztes Jahr in der DZ BANK gezeigt haben.

Gibt es auch verpasste Gelegenheiten, Situationen, in denen Sie nicht zugegriffen haben und Ihnen ein Kunstwerk „durch die Lappen ging“?

Sabau: Nein, es gibt wenige einmalige Gelegenheiten. Die Angebote wiederholen sich nach ein paar Jahren. Denn Fotografie in der zeitgenössischen Kunst wird in der Regel in Auflagen produziert, d.h. es gibt mehrere Exemplare desselben Bildes. Wir sind jetzt in der angenehmen Lage, auf einen Bestand zurückgreifen zu können, der so umfangreich ist, dass Lücken nicht so schmerzhaft sind. Natürlich haben wir immer noch Wünsche, die eine oder andere Fotografie mag ausverkauft sein, aber wir sind zuversichtlich, dass sie auf den Markt irgendwann wiederkommen.

Wie hat sich das Medium Fotografie in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Wie kann man das an Ihrer Sammlung ablesen?

Leber: Um es mit einer provokativen Hypothese zu versuchen: Die Fotografie ist aus der Technologieentwicklung des 19. Jahrhunderts entstanden. Physiker und Chemiker haben sich Jahrzehnte lang mit dem Abbildungsprozess beschäftigt. Die digitale Technik, die ja immer stärker in den Vordergrund zu treten scheint, rückt vom chemischen Verfahren weg zum geplotteten Ausdruck. Auf einem Tintenstrahldrucker hergestellte Bilder, die nicht wie gewohnt in einer Dunkelkammer entwickelt wurden, sondern am Computer bearbeitet sind und mit pigmentierter Tusche gedruckt werden, was hat das noch mit Fotografie zu tun? Es ist eine Weiterentwicklung und nähert sich im Verfahren wieder der Malerei oder vielleicht besser der Druckgrafik an. Das finde ich sehr interessant. Ich bin sehr gespannt, wie sich das weiter entwickeln wird. Es wird natürlich immer Künstler geben, die auf chemischen Verfahren bestehen, weil sie eine ganz andere Wirkung haben. So ähnlich wie das Hören einer Schallplatte oder eines MP3-File.

Sabau: Man darf die Diskussion über Fotografie dennoch nicht nur auf die Technik reduzieren. Es gibt natürlich auch Zwänge, die der Technik geschuldet sind, aber das steht für uns Kunsthistoriker nicht im Vordergrund. Die Entscheidung, ob eine Fotografie in die Sammlung kommt, hängt allein von der Qualität des Bildes ab.

Die Sammlung ist auch für Ihre Mitarbeiter von großer Bedeutung. Kunst in den DZ BANK Büros, kann man sich das aussuchen?

Leber: In den ersten Jahren konnten sich die Kolleginnen und Kollegen Kunst aus dem Depot aussuchen. Wir wissen allerdings, dass Tageslicht den Kunstwerken langfristig schadet. Deshalb gibt es qualitätvolle Drucke von unseren Arbeiten, die wir rahmen lassen und die in den Büros hängen können. Das hat den Vorteil, dass die Mitarbeiter sich nicht auf kleine Formate beschränken müssen, so kann man sich auch zum Beispiel einen Andreas Gursky aussuchen.

Das Interview führte Gudrun Herz, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Von das neue staedel, Permalink, 0 Kommentare

Sommerliche Spiele im Park – Ausstellung in der Villa Schöningen

09.06.2011

„Spiele im Park“ – der Titel der Ausstellung, die kommenden Sonntag in der Villa Schöningen bei Berlin eröffnet und von Städel-Direktor Max Hollein und Dr. Martin Engler, Leiter der Sammlung der Gegenwartskunst im Städel, kuratiert wird, hält was er verspricht. Zu sehen sind künstlerische Interventionen von acht herausragenden Künstlern, darunter Arbeiten von Olaf Nicolai, Tobias Rehberger, Tino Sehgal oder Janet Cardiff & George Bures Miller, die in den letzten Tagen im Skulpturenpark der Villa aufgestellt wurden. Die Installationen fordern ihren Betrachter als aktives Gegenüber mittels Sprache oder körperlicher Teilnahme heraus. Wer das lange Pfingstwochenende in Berlin verbringt, sollte sich einen Ausflug an die berühmte Glienicker Brücke zum Spielen im Park nicht entgehen lassen.

Roman Signer, Regen und Wind, © Galerie Barbara Weiss, Berlin

Roman Signers Installation „Regen im Wind“ bezieht sich ganz konkret auf die Präsentation in freier Natur, denn erst die im Titel genannten Witterungsverhältnisse lösen die Bewegung seiner Installation aus – der Garten wird ebenso zum Bestandteil seiner künstlerischen Arbeit, wie das Wetter in Berlin.

Skizze von Roman Signer, © Galerie Barbara Weiss, Berlin

Jan Svenungsson inszeniert in seinem Projekt „Baustelle Villa Schöningen“ einen Schornstein, der in seinem unfertigen Zustand immer auf das bauliche Ziel hinweist und scheinbar nur kurzfristig in dieser Form sichtbar ist. Das finale Objekt – Svenungsson baut seit Jahren identische, von Projekt zu Projekt einen Meter größer werdende Schornsteine – wird allerdings nie realisiert. Die Irritation bleibt.

Jan Svenungsson, Baustelle Villa Schöningen, Courtesy Galerie Werner Klein, Köln

Auch die weiteren Installationen von Janet Cardiff & George Bures Miller, Bethan Huws, Olaf Nicolai, Tobias Rehberger, Tino Sehgal und Lois Weinberger leben von ihrem spielerischen, ephemeren Charakter.

1843 ließ Ludwig Persius die Villa Schöningen nach italienischem Vorbild errichten.

Die Villa Schöningen liegt an der Glienicker Brücke, in einer wunderschönen Seenlandschaft an der Nahtstelle zwischen Berlin und Potsdam. Die Grenzstelle auf der Brücke wurde im Kalten Krieg für spektakuläre Austauschaktionen internationaler Agenten aus Ost und West genutzt. Ein Spaziergang an diesem historischen Grenzort lädt dazu ein, auch die Grenzen zwischen Museum und Garten, Kunst und Natur abzuschreiten und zu durchbrechen.

Gudrun Herz, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Von das neue staedel, Permalink, 0 Kommentare
vorherige Seite