Neues Werk von Leni Hoffmann: derzeit in Berlin und ab 2011 im Städel Museum zu sehen

15.06.2010

Download PDF

Während sich die Baugrube unseres Erweiterungsbaus stetig füllt, wird auch die darin in Zukunft beheimatete Sammlung zur „Kunst nach 1945“ im Städel Museum durch wichtige Neuankäufe ausgebaut und ergänzt. Der jüngste Neuzugang – eine Wandarbeit der Düsseldorfer Künstlerin Leni Hoffmann – ist zurzeit im Berliner Projektraum der Schering Stiftung zu besichtigen.

Artikel_Leni Hoffmann_5

Noch bis zum 28. August 2010 zeigt die Schering Stiftung in Kooperation mit dem Städel Museum die Ausstellung „Leni Hoffmann: a whiter shade of pale“. Eigens hierfür entwickelte die Düsseldorfer Künstlerin die ortsspezifische Arbeit sid, die von der Schering Stiftung erworben und im Rahmen der Ausstellungseröffnung am 27. Mai 2010 dem Städel Museum als Schenkung übergeben wurde.

Leni Hoffmanns Arbeit sid ist Malerei mit Materialien, die mit Malerei leidlich wenig gemein haben. Sie ist, wie eigentlich alle Arbeiten der Künstlerin, letztlich die Fortsetzung der Malerei mit anderen, ihr fremden Mitteln. Sid ist dabei bis an die Grenze des Erträglichen einfach und reduziert – fast banal. Zumindest auf den ersten Blick. Aber schnell entwickelt sich aus dieser scheinbaren Einfachheit ein komplexes, ja grandioses Kunstwerk.

Die Künstlerin zeichnet die Spuren der Schüttung zunächst mit Bleistift nach.

Die Künstlerin zeichnet die Spuren der Schüttung zunächst mit Bleistift nach.

Zuerst wird Wasser eimerweise, aber wohl komponiert und geplant an die Wand geschüttet: Diese Schüttung, die natürlich an David Hockneys Bigger Splash oder Jackson Pollocks Pop Art-Drippings erinnert, wird nachgezeichnet und die Wand mit Folie abgedeckt. Dann wird die Schüttung aus der Folie ausgeschnitten und das Ganze mit Putz verspachtelt. In einem letzten Arbeitsgang wird die verbleibende Folie mit dem überschüssigen Putz abgezogen. Was bleibt ist eine wunderbare Kippfigur: eine gestische Malerei mit einem Material, das sich einer solchen gestischen Handhabung normalerweise entzieht. Ein zum Bild gefrorener, eigentlich unmöglicher Moment, in dem die Wand und Putz zum Bild werden.

Der orange und grün changierende Kipplack.

Der orange und grün changierende Kipplack.


Bevor der Putz aufgetragen wird, sprüht Leni Hoffmann den Lack auf die Wand.

Bevor der Putz aufgetragen wird, sprüht Leni Hoffmann den Lack auf die Wand.


Detail der fertigen Arbeit nachdem in einem finalen Arbeitsschritt der Putz aufgetragen wurde.

Detail der fertigen Arbeit nachdem in einem finalen Arbeitsschritt der Putz aufgetragen wurde.

Dieses faszinierende Spiel aus Bewegung und Statik ruht auf einem massiven malerischen Kontrapost. Einem farbig schillernden Widerlager, das Malerei, ihre Dynamik und Veränderlichkeit in ganz anderer Weise formuliert. Ein zwischen orange und grün changierender Kipplack, die automobile Innovation von gestern, wird hier in wunderbarer Weise zweckentfremdet. Mit der Bewegung des Betrachters, der im Werk von Leni Hoffmann immer eine zentrale Rolle spielt, variiert der jeweilige Farbton. Somit erfindet sich sid im Prozess des Betrachtens ständig neu und jede eigene Standortnahme wird zur mitschöpfenden Farbbestimmung. Jeder Betrachter sieht von seinem Platz aus ein eigenes, anderes Bild.

In ihren konsequent raum- und ortsbezogene Arbeiten bringt Leni Hoffmann Grenzen der Gattungen zum Verschwinden und emanzipiert die Malerei: weg von der Leinwand, hin zum Realraum und zu allen Dingen des Alltags. Mit dieser intelligenten Weiterentwicklung des klassischen Tafelbilds fügt sich sid hervorragend in das Sammlungskonzept des Städel Museums, in dessen Erweiterungsbau die Arbeit 2011 in modifizierter Form und an prominenter Stelle neu ausgeführt werden wird.

Wer sich vorab schon einen Eindruck von Leni Hoffmanns atemberaubendem Werk machen will, sollte sich die Ausstellung „Leni Hoffmann: a whiter shade of pale“ in der Schering Stiftung  nicht entgehen lassen!

Biografie

Leni Hoffmann wurde 1962 in Bad Pyrmont geboren, heute lebt sie in Düsseldorf. Von 1982 bis 1987 studierte sie an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg als Meisterschülerin von Georg Karl Pfahler und war 1993 als Stipendiatin an der University of New England. Als Gastprofessorin war Leni Hoffmann an der Ecole Nationale Beaux Art de Lyon (1996), an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg (1997), an der Städelschule in Frankfurt (1998-2000) sowie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe (2001-2002). Nach Karlsruhe wurde die Künstlerin im Anschluss als ordentliche Professorin berufen. 2007 wurde sie mit den Gabriele-Münter-Preis ausgezeichnet.

Dr. Martin Engler, Sammlungsleiter Kunst nach 1945

Von das neue staedel, Permalink, Shortlink, Trackback

Kommentar schreiben.

CAPTCHA-Bild Audio-Version
Bild erneut laden