Neu im Städel: Sibylle Bergemann „DAS DENKMAL“
08.09.2011
Da schiebt einer einen hohen Tisch auf drei Rollen auf eine „Startbahn“ zu, die in den Feldern endet. Irgendwo in Deutschland. Auf der linken Seite stehen zwei Obstbäume, darunter eine Kuh, die zuschaut und sich fragt, was dieser ältere Mann da eigentlich treibt. Ludwig Engelhardt heißt der Herr. 1975 erhielt er den Auftrag, ein Denkmal für Berlin zu bauen. Eines, das von Karl Marx und Friedrich Engels, den Vätern des Sozialismus, künden und vor dem Palast der Republik stehen sollte. Das Marx-Engels-Forum wurde zusammen mit der Skulptur am 4. April 1986 eingeweiht. Da war das Ende der DDR schon fast in Sicht. Sybille Bergemann dokumentierte die Entstehung in 12 Fotografien. Jetzt kommt der Fotozyklus in die Sammlung des Städel Museums.
Dass dieses Denkmal am Ende nur drei Jahre als Ehrenmal der DDR-Geschichte an seinem Platz verharren sollte, war bei der Vergabe des Auftrages nicht bekannt. Das wissen wir heute. Und wenn man sich dem Zyklus nähert, der in drei Reihen à vier Bildern gehängt sein möchte, dann ist es gut wenn man sich vergegenwärtigt, zu welcher Zeit die Arbeit von Sybille Bergemann entstanden ist. Aber zurück. Schauen wir, was wir sehen.
Das zweite Motiv aus der Reihe zeigt verschiedene Abbildung der beiden Protagonisten, und über den Portraits thronen die Köpfe, die zur Umsetzung der Figuren gewählt wurden. Auch das dritte Bild ist noch eine Skizze, ein Entwurf. Hier sitzen noch beide. Das vierte Foto zeigt die endgültige Lösung mit zwei Holzgestellen. Das linke sitzend und das recht stehend. Noch wissen wir nicht, wer von den beiden sitzen und wer stehen wird.
Das fünfte Bild zeigt zwei verhüllte Figuren. Sie sehen aus wie Menschen in Anoraks, die versuchen dem Regen Stand zu halten. Das nächste Motiv gehört zu den bekanntesten aus der Serie. Es zeigt zwei Figuren, deren Oberkörper fehlen. Hinter ihnen die Wolken in die sie sich aufgelöst zu haben scheinen. Dann geht die Geschichte des Aufbaus weiter bis zur verhüllten Figur vor dem Dom in Berlin. Auf der folgenden Abbildung schwebt Engels heran. Dieses Bild erinnert eher an einen Abbau eines Denkmals, was aber auch mit den Medienbildern zu tun hat, die wir in den letzen Jahren und Jahrzehnten zuhauf zu sehen bekamen: vom Fall der Mauer und der Auflösung der Sozialistischen Regime bis hin zu den Aufnahmen von den Aufständen in Nordafrika, die unlängst durch die Welt gingen. Erst jetzt können wir mit Gewissheit erkennen, dass der Stehende Friedrich Engels ist und Karl Marx zu seiner Rechten sitzt. Das wird auf dem letzen Bild zur Gewissheit. Vor Engels knien zwei Menschen. Fast so, als würden sie ihrem Herrn die Schnürsenkel binden. Im Hintergrund sieht man den Palast der Republik im Nebel liegen. Es ist April 1986.
Sibylle Bergemann hat zwischen den Bildern nicht immer ein Jahr verstreichen lassen. Das ist offenkundig. Die Aufnahmen vor dem Dom und der fliegende Engel(s) zeigen dies über deutlich. Auch ist vom Abgussvorgang der Skulptur kein Bild gewählt und man fragt sich, ob sie den überhaupt gesehen hat. Die Folge der Fotografien erzählt eine eigene Geschichte, die sich nicht unkritisch mit der DDR auseinandersetzt. Die Verhüllten oder die Wolken als Oberkörper, aber auch der fliegende Engels lassen es erahnen. Den Genossen ist es offensichtlich nicht aufgefallen. Anlässlich des Aufbaus eine Ausstellung, erzählte Sibylle Bergemann später lobte der Kulturminister ihre Arbeit ausdrücklich. Sie sagt das. mit einem Schmunzeln. Vielleicht hat sie den Untergang der DDR bereits erahnt.
Sibylle Bergemann wählte als Material Silbergelatine auf Barythpapier für ihre Serie. Ein Material, das in der DDR am häufigsten zur Anwendung kam, da Farbfotografien unerschwinglich teuer waren. Die Künstlerin lernte ihr Handwerk bei Arno Fischer, der selbst ein großer der Fotografie schon zu Zeiten der DDR war. Seit 1966 war Fischer ihr Lehrer an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, und sie wurden bald ein Paar.
Bis heute ist die Serie des Marx-Engels-Denkmals aus unserer Sammlung die einzige ohne ein schadhaftes erstes Motiv. Jetzt geht sie an das Städel Museum.
Sibylle Bergemann wurde 1941 in Berlin geboren und starb 2010 in Gransee.
Dr. Christina Leber, Leiterin der DZ BANK Kunstsammlung
* Runzelkorn ist ein Fehler, der bei der Entwicklung von Filmen auftreten kann. Es entsteht meist durch zu große Temperaturunterschiede zwischen den einzelnen Bädern des Verarbeitungsprozesses. Hierbei entstehen in der Gelatineschicht viele haarfeine Risse. Das Risiko für die Entstehung von Runzelkorn steigt mit der Höhe der Verarbeitungstemperaturen und mit der Länge der Verweildauer in den einzelnen Bädern, da dadurch die Gelatine stärker aufquillt und anfälliger wird.












